Vorab – hier geht es zum ersten Teil.
Ich saß also in der Pizzeria und mampfte vor mich hin und haderte mit dem Track. Nach München komme ich auf jeden Fall, die Frage war eher, ob in meinem persönlichen Zeitrahmen ich noch die Schleife übers Klammljoch mitnehme, oder abkürze. Typische Gedanken, wenn man langsam ermüdet und Hunger hat. Passiert beim bikepacking…
Der Blick aufs Sella Massiv motivierte mich jedoch wieder und die zwei Cola zur Pizza gaben den nötigen Energieschub um den Passo Pordoi dann doch in Angriff zu nehmen.
Hier in den Dolomiten waren die Anstiege nun endlich nicht mehr so steil, sondern eigentlich alle fahrbarer, dazu noch der Ausblick in die Landschaft und dann kurbelte man halt mehr oder weniger gemütlich die Berge hoch.
Das lief alles deutlich besser als die letzten Tage und auch mental war ich back in the game. Die Ankunft oben auf dem Pordoi hat mich dann nochmal richtig gepushed und ich bin direkt weiter. Nach dem Pordoi kam noch der kleinere Passo Campolongo. Oben war ich dann komplett durchgeschwitzt, wechselte erstmal in ein trockenes Trikot, zog wärmere Sachen und die Regenkleidung drüber und stürzte mich in die Abfahrt. Erstes Dorf resupply und dann mal wieder im Dunkeln in die 30km Abfahrt nach Bruneck.



So langsam fing es an zu regnen und es donnerte, links und rechts in den Bergen sah man die Blitze zucken. Zum Glück hatte ich schon die Regensachen an und solange es nicht schlimmer wird, kann ich ja im Dunkeln weiter so bergab rollen. Viel Treten musste ich jedenfalls nicht.
Aber es kam natürlich schlimmer. Kurze Zeit später rollte ich quasi durch Sturzregen und konnte mich gerade noch so vor ein überdachtes Ladengeschäft retten.
Perfekt um den Schauer abzuwarten dachte ich und futterte erstmal ein paar Kekse. (Ok, eine Packung). Leider wurde es aber nicht weniger Regen und Daniel aus der Heimat schickte mir ein Bild, dass die Dolomiten quasi voll im Gewitter hingen und dass das wohl auch noch dauern würde.


Zum Glück war neben meinem Luxusunterstand eine Schreinerei mit noch größerer Überdachung unter die ich dann mein Zelt stellte.
Beim biwakieren denkt man ja immer, man schläft in den Bergen, öffnet morgens mit einer Tasse Kaffee in der Hand das Zelt und schaut bei Sonnenaufgang auf einen Bergsee. Ich schaue auf die Straße und hinter mir ist das Garagentor der Schreinerei. Bergromantik geht definitiv anders.
Aber Hauptsache trocken. Zum Glück hatte ich schon fürs Abendbrot und Frühstück eingekauft. Nachts wurde es bis 2-3°C kalt, da braucht man keine Angst haben, dass der Joghurt schlecht wird und mein Quilt kann das noch gerade so ab.
Tja, auch in Italien starten die Handwerker früh morgens und um fünf vor sechs kam dann der Cheffe in die Schreinerei. Mein Biwak war aber überhaupt kein Problem, er hat das Gewitter ja auch mitbekommen und hatte eher Mitleid mit mir.



Die Nacht war recht unruhig bei dem Gewitter und so dicht an der Straße mit den vorbeifahrenden Autos. Nachdem ich mich aus dem Zelt gerollt und meinen Joghurt gegessen hatte, fuhr ich dann die letzten km nach Bruneck runter.
Der Radweg, welcher die Tunnel umfährt, war leider verschüttet. Da hat es alles weggeballert, nur den Jesus hat es verschont. Ob das die Nacht passiert ist, oder schon früher, werde ich wohl nie erfahren. Also musste ich doch durch die Tunnel fahren. Das ist bergab aber halb so schlimm.
In Bruneck angekommen wärmte ich mich in der ersten Bäckerei bei Kaffee nochmal auf.
Frisch gestärkt ging es dann in die Schleife Staller Sattel und Klammljoch, eine Runde für die ich den ganzen Tag eingeplant hatte. Zum Glück war ich dank des Schreinermeisters ja schon früh unterwegs.
Dann folgte der landschaftlich schönste Teil der ganzen Tour und es wäre echt traurig gewesen, wenn ich das in einem schwachen Moment doch ausgelassen hätte.
Von Bruneck ging es dann kontinuierlich bergauf durch eine sehr coole Alm-Landschaft bis zum Antholzer See, vorbei an dem Biathlon Stadion und rein in den Staller Sattel.
Praktischerweise ist der nur jeweils 15min je Fahrtrichtung pro Stunde geöffnet, so dass der Verkehr nur kurzzeitig an einem vorbeizieht und man dann wieder 30min Ruhe hat.



Vom Staller Sattel ging es über die Grenze und schon war ich in Österreich. Schnell noch an einem See vorbei, Cola Dröhnung an einer Alm und rein in die kurze Abfahrt Richtung Klammljoch.
Auch die Fahrt hoch zum Klammljoch ist für den normalen Verkehr gesperrt, es ging kurz auf einen Trail, über ein Steinfeld und dann auf den offiziellen Fahrweg und dann wurde hochgegravelt bis man auf dem Sattel ist.



Landschaftlich super, total einsam, nur ein paar Almen (laut wikipedia einige der ältesten Almen Österreichs), ich hab wirklich keine Menschenseele gesehen. Nur die Berge, Kühe und ich.
Das Ziel war um 19:00 auf dem Klammljoch zu sein, das hätte ich auch gut geschafft, aber ich hab einfach zu viele Fotos gemacht. Mein Blick ging recht oft hoch zum Himmel, aktuell sah es jedoch nicht nach Gewitter aus. Da hätte ich nämlich garkeinen Bock drauf, am höchsten Punkt der Tour mitten im Gebirge vom Gewitter überrascht zu werden.


Danach folgte 1500hm abschottern bis ins Tal, also wieder warme Sachen und Regenkleidung an und natürlich kam ich wieder in die Dunkelheit und zudem verpasste ich wieder irgendeine Abzweigung. Dem Track war stellenweise leider auch auch nicht zu folgen, da manche Wiesen dann einfach umzäunt waren, das konnte man aber noch halbwegs umfahren. Vielleicht habe ich im Dunkeln aber auch nicht unbedingt den perfekten Einstieg gefunden. Im ersten größeren Dorf hatte ich dann wieder Handyempfang und buchte mir in Taufers ein Hotel, da es schon wieder halb 10 war. Nach der Gewitter Nacht und dem recht langen Tag war mir irgendwie nach einer festen Unterkunft.
In Taufers selbst hatte ich dann noch flux einen Döner gegessen und saß in meiner Regenkleidung in dem Imbiss. Alle Einheimischen waren im T-Shirt und kurzer Hose. Dann realisierte ich erst, dass ich doch recht durchgefröstelt und auch übermüdet war. Mit dem Döner im Bauch und einem richtigen Dach über dem Kopf war die Nacht aber dann recht erholsam. Leider habe ich mein durchgeschwitztes Trikot auf der Abfahrt irgendwo verloren. Das war klitschnass und ich hatte es auf die Satteltasche geklemmt, anscheinend aber nicht fest genug. (Falls das jemand findet, gerne mitbringen)
Das Hotel bot Frühstück an (Luxus 😉 ) und damit ich zügig loskomme, wollte ich vor dem Frühstück noch das bike einmal checken und frisch machen. Während ich also die Kette schmiere erkenne ich auch den Grund für mein eierndes Hinterrad. Eine Speiche ist abgerissen und zwar genauer gesagt der Nippel am Flansch. Speichen hab ich zwar dabei, aber leider keine Nippel. (Da hätte ich aber eigentlich auch noch 2-3 einpacken können..).
Aber tauschen kam ohnehin nicht so richtig in Frage, dann müsste ich ja auch das tubeless Band neu kleben etc, darauf war ich nicht eingestellt.
Die Felge eierte zwar, aber der Reifen kam noch nicht an die Kettenstreben, von daher ging es ja halbwegs. Zudem war ich ja schon mindestens den gestrigen Tag damit rumgefahren, da wird es wohl die letzten 300km auch noch halten…



Nachdem ich also das Frühstücksbuffet leer gefuttert hatte (Tatsächlich konnte ich weniger essen als ich dachte, oder sollte) und am örtlichen Supermarkt noch einmal eingekauft hatte, ging es raus aus Taufers und nach Brixen um von dort über den Brenner nach Österreich zu fahren.
Von Brixen zum Brenner sind es nur 800hm, das kann ja nach den letzten Tagen nicht so lange dauern, dachte ich. Was ich aber total unterschätzt hatte, ist einfach die Länge. Es schlängelt sich knappe 40km mit okayer Steigung den Brenner hoch und das dauert halt einfach. Dementsprechend war ich auch erst gegen halb 7 oben auf dem Brenner.
Der Track folgte kleinen Wirtschaftswegen und dem Radweg hoch, fast immer die Autobahn im Blick. Der Brenner war schon bei der historischen Mailand-München Runde der Hauptpass für den Verkehr und auch heutzutage ist das der meist frequentierte Weg von Österreich nach Italien. Dementsprechend ist es komplett durchindustrialisiert. Vorbei die Radlerromantik der Dolomiten und Südtirol, nix mit Einsamkeit und Landschaft wie beim Klammljoch.
Aber auch das geht vorbei und nachdem ich dann wie gehabt Regensachen oben angezogen hatte und mich in die Abfahrt Richtung Innsbruck stürzte realisierte ich, das auch das nochmal 40 bis 50km sind und dementsprechend auch länger als eine halbe Stunde dauern wird.
Es ging über Almen, Wirtschaftswege und Straßen dann nach Innsbruck rein.
Und wieder setzte die Dämmerung ein, eigentlich wollte ich schon wieder aus Innsbruck raus sein und den nächsten Pass schon im Angriff haben, aber dafür war ich wieder mal zu spät.
Innsbruck selbst überforderte mich etwas, Straßenbahn, andere Radler, Autos, Jogger, Ampeln. Ich navigierte mich so gut es ging zum Abendbrot um was zu futtern und überlegte wie ich die Nacht gestalten sollte.
Innsbruck war mir irgendwie zu voll, um dann noch wild zu campen. Ich hatte auch keine Ahnung wie lange sich das noch zieht, oder ob ich in 20-30 Minuten was finde. Praktischerweise fand ich einen Campingplatz am Rand von Innsbruck, dicht am Track, also schnell dorthin und schauen ob da noch irgendjemand ist und die noch ein Plätzchen für mich haben. Ich hatte Glück und konnte dann gegen 22 Uhr mein Zelt hinstellen, schnelle Dusche und ab in die Federn.



Am nächsten Tag ging es dann raus Richtung Zscharnitzpass. Kaum 5km auf dem Track sehe ich links den perfekten Camp-Spot. Mitten im Feld, Sitzmöglichkeiten, Trinkasser und ein Dixie-Klo. Eine Camping-Ecke eingerichtet von den Wasserwerken oder so. Das wäre echt super gewesen, aber wahrscheinlich wäre ich im Dunkeln auch einfach vorbei geradelt..
Der Anstieg zum Zscharnitzpass war zu Beginn Straße, irre steil, voller Autos, recht unangenehm zu fahren. Ich kann mir garnicht mehr vorstellen, wie ich früher soviel Rennrad gefahren bin, da musste man sich die Straße ja immer teilen. Ich schnaufte mich also den Berg hinauf und zum Glück ging es kurze Zeit später ab von der Straße und rein in den Trail. Klar immer noch steil, aber keine Autos oder LKWs mehr. Der Trail an sich war megaschön, aber den hätte ich ihm Dunkeln auch nicht fahren wollen.
Das war eigentlich der letzte ernst zunehmende Anstieg bis nach München und danach ging es wunderschön über Seefeld, Mittenwald, Kochel am See straight Richtung München.



Von der Landschaft beseelt war ich so gut drauf, dass ich laut die Punkklassiker der frühen 2000er mitsang (Knochenfabrik). Arglose Rentner, welche mit ihren Wanderstöcken durch den Forst streiften, schreckten schon bevor sie mich sehen konnten vor meinem Gesang zurück und machten den Weg frei, so dass ich so richtig schön durch den Wald ballerte. Aber meine gute Laune war ansteckend, die Rentner mussten auch schmunzeln als ich an ihnen vorbeirauschte.
Die Kühe blieben jedoch unbeeindruckt von meinem „Gesang“.



Kochelsee, Walchensee, alles wunderschön, aber es war ja Freitag und auf die Menschenmassen hatte ich irgendwie garkeinen Nerv, dementsprechend bin ich da einfach mehr oder weniger vorbeigerollert ohne groß zu stoppen und Fotos zu machen.
Letzter Resupply in einem Supermarkt, das Handy vibriert, Ramona schreibt: „Na, biste beim Bäcker? Guten!“ Big Brother is watching you – Freunde und Familie in der Heimat schauten anscheinend ganz genau hin 🙂
Kaum aufgebrochen rief Simone an, sie könnte in 2 Stunden mit den Kids in München sein, dann würde sie mich mitnehmen und ich müsste nicht Zug fahren. Zwei Stunden – 50km. Eigentlich kommt kein Anstieg mehr, aber mit dem Bike erzeugt das schon einen gewissen Druck. Unmöglich war es aber nicht. Bis sie dann wirklich einen Parkplatz findet, hab ich wahrscheinlich 30min länger. Also reingetreten, das Ziel ist nah.
25km vorm Ziel kommt mir auf einmal Felix entgegegen. Er hatte meinen Tracker verfolgt, wollte mir ja ohnehin den Spanngurt zurückgeben und mich dann noch ins Ziel begleiten. Also fuhren wir geminsam und quatschten so über das Event und dies und das. Es war wirklich gut, dass Felix sich in München auskannte. An der Isar war die Hölle los (Freitag abend..) und es war schon ne Hilfe, das man nicht parallel noch viel aufs Navi schauen musste.
Wir bogen gerade in die Straße vom 3Mills ein, da kamen auch Simone und die Kids. So ein Wiedersehen macht natürlich besonders viel Freude und die Kinder sind wie Flummis rumgehüpft.
Die Finisherparty war gestern, 3Mills schon zu (es war schon 20 Uhr oder so, ich hatte aber auch keinem Bescheid gesagt, dass ich komme) und zu Simone und den Kids gesellte sich noch ihre Cousine+Freund+Kind, welche nicht weit weg wohnten, also hatte ich meine eigene ganz persönliche Finisherparty.

Die Kids hatten dann meine letzten Gummibären und Kekse gefuttert und wir haben gefühlt noch bis 22 Uhr rumgestanden, gequatscht, gefachsimpelt über Paris-Brest-Paris, Brevets und bikepacking im Allgemeinen. Irgendwann war dann alles im Auto verstaut und wir sind dann weitergedüst, wir mussten ja schließlich nächsten Tag auf eine Hochzeit.
Ich war deutlich weniger kaputt, als ich dachte, also vorallem im Hinblick auf meine Muskeln, Schmerzen oder so. Ich wahr eher viel zu aufgedreht im Ziel, so dass ich auch erst um 1 Uhr nachts wirklich ins Bett gegangen bin.
Der nächste und letzte Teil der Blogserie behandelt dann meine Gedanken zu dem Event ein paar Tage danach. Was habe ich für mich gelernt, was würde ich beim nächsten Mal anders machen, hat man noch Lust auf Langstrecke etc.
